DAS TRÜGERISCHE GEDÄCHTNIS VON ZEUGEN, ANGEKLAGTEN UND RICHTERN. ODER WARUM DAS MENSCHLICHE GEDÄCHTNIS IM BUWOG PROZESS EIN FAIRES VERFAHREN VERHINDERN KANN.

 

 

Von Walter Meischberger

 

Im Dezember 2016 berichtete „ARTE future“ von einem wissenschaftlichen Phänomen, das vor Gericht schon zu vielen Fehlurteilen geführt hatte: „Erinnerungen. Wie wir uns irren“.

 

Die Universität Toulouse in Frankreich hat das Phänomen des assoziativen Gedächtnisses untersucht und ist der Meinung, dass die Ergebnisse der Studie für die französische Justiz so wertvoll und interessant sind, dass die Wissenschaftler Richter und Staatsanwälte eingeladen haben, sich diese für die Justiz bedeutsamen Aufschlüsse anzuhören. In der Zwischenzeit ist dieses juristisch heikle Phänomen bereits Gegenstand mehrerer wissenschaftlicher Abhandlungen namhafter Experten und Wissenschaftler aus aller Welt. 

 

Der Blick der Wissenschaft auf das Erinnerungsvermögen von Zeugen - und im Übrigen auch der Angeklagten - in Gerichtsverfahren hat sich entschieden verändert. So sieht das auch die Wissenschaftlerin Dr. Julia Shaw, eine höchst anerkannte Gerichtsexpertin aus London, die mit gemeinsam mit dem Salk Institut in La Jolla, Kalifornien, eine bemerkenswerte Studie erarbeitet und in ihrem Buch „Das trügerische Gedächtnis“ der Öffentlichkeit näher gebracht hat.

 

Kurz zusammengefasst geht es darum, dass uns unser Gedächtnis sehr oft einen Streich spielt. Meist wenn wir glauben, uns an etwas, das schon lange zurückliegt, genau erinnern zu können. Grund dafür ist die Funktion des assoziativen Gedächtnisses, das in allen unseren menschlichen Gehirnen unabschaltbar ständig arbeitet, ob wir wollen oder nicht. 

 

Das assoziative Gedächtnis versucht Erinnerungslücken zu füllen und eine Erinnerung immer als gesamtes Bild oder als gesamte schlüssige Geschichte nachzuzeichnen. Dabei gibt es auch kein Problem, wenn, ja wenn, diese Erinnerung an das Ereignis, oder das Gesicht, oder die jeweiligen Zusammenhänge, vollständig vorhanden ist. Das ist aber, wie wir alle wissen, bei länger zurückliegenden Vorkommnissen meist nicht der Fall. 

 

Sehr oft gibt es nur eine schwache Erinnerung, oder nur ein bruchstückhaftes Erinnern. Und genau da greift das assoziative Gedächtnis ein. Es füllt diese Lücken mit logischen Schlüssen oder passenden anderen Erinnerungen. Solange bis die Erinnerung an den eigentlichen Vorgang, an den man sich erinnern möchte, ein vollständiges Bild oder einen logischen Ablauf ergibt. Wieviel von den Erinnerungsstücken aus dem tatsächlich Erlebten oder nur aus assoziativ zugeordneten Teilen besteht, kann der Mensch nicht mehr feststellen. Für ihn stellt sich diese Erinnerung dann einfach als die Erinnerung dar. 

 

Auch wenn es so nicht gewesen ist, oder nur ähnlich gewesen ist wie es sich jetzt für den Erinnernden darstellt. Es hat nichts mit Lüge zu tun. Der sich Erinnernde ist ehrlich und fest davon überzeugt, dass sich die Dinge eben so abgespielt habe, wie es sich jetzt in seiner, für ihn realen, Erinnerung eben darstellen. 




Rechtsprechung ist besonders betroffen

 

Dieses Phänomen eröffnet natürlich auch bewussten und unbewussten Manipulationen Tür und Tor. Und die Rechtsprechung ist davon besonders betroffen. Besonders lange zurückliegende Ereignisse stellen sich für die meisten Beteiligten oft nur mehr bruchstückhaft dar. Also eine Menge Raum für diese selbständig agierenden assoziativen Ergänzungen. Solche können, wie die Kriminalpsychologin Dr. Julia Shaw in ihrem Bestseller „Das trügerische Gedächtnis“ eindrucksvoll dargelegt hat, auf unterschiedlichste Weise erfolgen. Durch gezielte Manipulationen, durch bestimmte Fragetechniken von verhörenden Beamten oder einfach nur durch intensives Nachdenken. Denn man will sich ja erinnern. 

 

Jeder kennt das. Man denkt angestrengt über etwas nach. Und nach und nach füllen sich die leeren Stellen der Erinnerung. Deshalb arbeitet das assoziative Gedächtnis auf Hochtouren. Holt aber auch Erinnerungen aus anderen Zeiten oder passende Erinnerungen hervor, die logisch in das Bild passen. Das ist dann auch oft der Grund dafür, dass sich unterschiedliche Beteiligte an ein und denselben Vorgang ganz unterschiedlich erinnern. Denn Gehirnorgan und damit Erinnerung ist verformbar.

 

Für Angeklagte in Gerichtsverfahren kann das fatale Konsequenzen haben. 

 

Alle Aussagen in jahrelangen Erhebungs- und Gerichtsverfahren erfolgen unter Druck. Ausgehend davon, dass die meisten Befragten ehrlich Rede und Antwort stellen wollen und sich wirklich bemühen, sich zu erinnern, kann es dabei in Bezugnahme auf das eben beschriebene Phänomen zu prekären Situationen kommen. 

Das betrifft Angeklagte ebenso wie Zeugen. Mir selbst ist es bei meinen mehr als 200 Stunden dauernden Einvernahmen zum gesamten inkriminierten Komplex, der weit über jene beim Verkauf der Bundeswohnungen hinaus gegangen ist, öfters passiert, dass ich Vorgänge in falsche zeitliche Zusammenhänge gesetzt, oder auch Personen verwechselt habe. Dies nur, weil ich aktiv an der Aufklärung - von der ich immer geglaubt habe, dass sie zur Einstellung der Verfahren führen wird - mitarbeiten wollte und mir dabei mein assoziatives Gedächtnis da und dort einen Streich gespielt hat.

 

Mein assoziatives Gedächtnis hat dann eben öfter ähnliche Vorgänge oder ähnliche Abläufe mit denselben Personen vermischt. Als ich dann merkte, dass jede ausgesprochene vage Erinnerung gegen mich als „Falschaussage“ verwendet wurde, habe ich nach Monaten begonnen, meine vagen, bruchstückhaften, teilweisen Erinnerungen zurückzuhalten. Also im Endeffekt nichts mehr auszusagen, um ja keinen Fehler zu begehen. Eine logische Reaktion auf Einvernahmen, die nicht darauf abzielten, die Wahrheit zu ergründen, sondern ein Fehlverhalten darzustellen, um so der angestrebten Anklage Vorschub zu leisten.

 

Warum mich das alles aufschreckt? Einfach deswegen, weil es mir aufgrund der Kenntnis der wissenschaftlichen Schlüsse dieses Phänomens klar vor Augen geführt wird, wie das BUWOG Verfahren ganz besonders von diesem Phänomen betroffen ist und alles eindeutig darauf hinweist, dass es - auch dadurch - in diesem Fall zu keinem fairen Verfahren mehr kommen kann. 

 

Möglicherweise dramatische Auswirkungen

 

Es gibt gleich mehrere schwerwiegende Gründe, die in diesem Verfahren im Zusammenhang mit diesem Phänomen besonders dramatische Auswirkungen haben können. 

 

Erstens liegen die Vorgänge zum Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens schon mehr als vierzehn Jahre zurück. Das bedeutet schlicht, dass die echten Erinnerungen von zu erwartenden, mehr als 200 Zeugen sowie den Angeklagten, die allesamt nur in wenigen Teilbereichen mit dem Gesamtvorgang konfrontiert waren, vermutlich sehr verblasst sind, deshalb nur mehr sehr bruchstückhaft vorhanden sein können - und das assoziative Gedächtnis derer ständig die Gedächtnislücken füllen wird. Nun stellt sich die Frage, mit welchen Informationen die Erinnerungslücken gefüllt werden. 

 

Zweitens kam es rund um dieses Verfahren und die politische und mediale Grasser-Hatz zu einer noch nie da gewesenen medialen Druckwelle mit Tonnen von unterstellten Vorgängen und Interpretationen, die auf jede in Österreich lebende Person auf unterschiedlichsten Kanälen massiv eingewirkt hat. Ein Gutteil dieser tausenden Medienberichte sind - wie gutachterlich festgestellt wurde - Medienberichte mit starker vorverurteilender Wirkung. Das ist besonders heikel, denn, so das Ergebnis einer Expertenkommission unter der Leitung von Thomas Albright im kalifornischen Salk Institute in La Jolla: Besonders Vorverurteilungen sind ein beliebtes Mittel des assoziativen Gedächtnisses eines jeden Menschen, die Erinnerungslücken passend zu füllen. Die folglich jene in ihr assoziatives Gedächtnis gesetzt bekommen haben, die in diesem Fall aussagen müssen und mussten. Und dieser Gefahr ist und war jeder ausgesetzt, der viele Jahre nach den Vorgängen dazu befragt wird und auch wurde. Und zwar schon anlässlich der Einvernahmen zu den Vorerhebungen von mehr als dreihundert Zeugen in mehr als 700 Einvernahmen, während der Höhepunkte der größtenteils vorverurteilenden medialen Druckwelle. Und wie wird sich das erst im Verfahren darstellen? 

 

Die wissenschaftlich fundierte Erkenntnis über die Auswirkung der Funktion des assoziativen Gedächtnisses bezüglich Erinnerungen ist ein weiteres Faktum, das das Gerichtsverfahren vierzehn Jahre nach den betreffenden Vorgängen und nach achtjährigen Erhebungen ad absurdum führt. Wer von den Angeklagten und voraussichtlich hunderten Zeugen kann sich nach mehr als vierzehn Jahren noch wie und an was erinnern? Wer weiß noch, was er wann, wie und warum ausgesagt hat? Inwieweit hat sich Meinung und Wissensstand der Befragten aufgrund von Aktenkunde - und damit unter Umständen durch Aussagen, die diesem Phänomen unterliegen - immer wieder geändert?

 

Kein einziger objektivierbarer Beweis

 

Da kommt der dritte schwerwiegende Grund ins Spiel: Es gibt trotz aller Versuche, welche die Staatsanwaltschaft und ihre Heerschar an Ermittlern angestellt hat, keine standardisierten, objektivierbaren Beweise gegen die Angeklagten. Nein, genauer gesagt: Keinen einzigen objektivierbaren Beweis. Es handelt sich trotz siebenjähriger, mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln versuchter Erhebungen, nach wie vor um ein reines Indizienverfahren. 

 

Also geht es im Rahmen der Beweiswürdigung nur darum, wem das Gericht mehr oder weniger glaubt. Oder glauben will. Da ist jeder Manipulation Tür und Tor geöffnet. Ob durch diese Türen durchgegangen wird, kann auch daran liegen, welcher Gesinnungsdruck von außen ausgeübt wird.