ENTSCHEIDENDE BEWEISSTÜCKE ALS „ZUFALLSFUND“ BEI DER HAUPTVERHANDLUNG

 

Es war ein durchaus bemerkenswerter Tag, der 144. Hauptverhandlungstag am 22. Juni. Wolfhard Fromwald war genau in der Zeit, als die Anbote für die beiden finalen Runden zum Ankauf der Bundeswohnbaugesellschaften gemacht wurden, Vorstand der CA Immo. Exakt Finanzvorstand, und somit auch am detailliertesten mit der Anbotserstellung betraut und befasst.

 

Bisher standen immer – auch in der Anklageschrift – die Aussagen des Herrn Bruno Ettenauer im Zentrum. Taktisch vielleicht durchaus erklärbar, denn dessen Aussagen passten in Summe bestens ins Bild der Anklage. Doch Ettenauer war im gefragten Zeitraum nicht Vorstand der CA Immo, sondern Aufsichtsrat. Beruflich war er Manager der Bank Austria. Also jener Bank, die an der CA Immo beteiligt war, und die laut mehreren Zeugenaussagen brennend am hohen Kreditvolumen für die Finanzierung des Deals interessiert war.

 

Die Geschichte ist bekannt: Die CA Immo hatte um Haaresbreite beim Last and Final Offer das Nachsehen, und die Bank Austria konnte das möglicherweise schon sicher gesehene riesige Kreditgeschäft nicht in trockene Tücher bringen. „Das Trauma des Herrn Ettenauer dürfte damals begonnen haben“, hat es später einmal Eduard Zehetner, langjähriger Vorstand der Immofinanz, genannt. Vermutlich hat Zehetner damit auch gemeint, dass Ettenauer, damals Bereichsvorstand Immobilien der Bank Austria, ein gewaltiges Geschäft durch die Lappen gegangen war…

 

AUFSCHLUSSREICHE PASSAGEN AUS DEN PROTOKOLLEN…

 

Doch zurück zum bemerkenswerten Auftritt des Herrn Fromwald am 22. Juni 2020: Dieser hat sich bei seiner Zeugenaussage (unter Wahrheitspflicht) nicht nur auf sein Erinnerungsvermögen verlassen – wer kann sich schon auf Details von Geschäftsvorgängen, die mehr als 16 Jahre zurück liegen, erinnern…  Wolfhard Fromwald hatte auch eine unscheinbare Mappe mitgebracht, aus der er immer wieder zitierte. 

 

Diese Mappe beinhaltete unter anderem Vorstands- und Aufsichtsratsprotokolle aus der damaligen heißen Phase. Und eine Passage hatte es durchaus in sich. Sie lautete im Vorstandsprotokoll vom 8. Juni 2004 - nach (!) der ersten Anbotsrunde und vor dem Last and Final Offer - folgendermaßen:

 

„Übereinstimmend wird festgehalten, dass eine signifikante Annäherung des Anbotspreises nicht notwendig erscheint, nachdem laut informellen Informationen das Anbot der CA Immo AG deutlich über dem Anbot des österreichischen Konsortiums und dort auch zumindest knapp 3% über dem Anbot des Zweitbieters liegen dürfte…“

 

Und in einem darauf folgenden Aufsichtsratssitzungs-Protokoll ist schwarz auf weiß zu lesen: 

„Aufgrund einer zwischenzeitig eingelangten informellen Information dürfte die CA Immo das beste Angebot abgegeben haben. Weitere Anbote kamen von den Mitbewerbern Conwert/Blackstone und dem Österreich-Konsortium.“ 

 

Und weiters: „Es folgt eine weitere Diskussion über das mögliche Verhalten der Mitbewerber und sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat kommen zu einhelligen Auffassung, dass ein erhöhtes Gesamtanbot … in Höhe von rund EUR 960 Mio. die Chance bietet, auch in der nunmehr letzten Runde Bestbieter zu sein.“

 

CA IMMO MANAGER WAREN OFFENSICHTLICH BESTENS ÜBER KONKURRENZ INFORMIERT…

 

Ein Faktum, das niemanden bis dato zugänglich war – und welches das Ganze in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Denn erstmals wurde herausgearbeitet, dass die CA Immo Manager, Vorstand und Aufsichtsrat, aus welcher Quelle auch immer (in den Protokollen ist von „informellen Informationen“ die Rede), offensichtlich sehr gut über die Konkurrenz Bescheid wussten! 

  • CA Immo Vorstände und CA Immo Aufsichtsräte wussten, dass sie nach der ersten Runde vorne lagen!
  • CA Immo Vorstände und CA Immo Aufsichtsräte wussten, wer sonst noch Anbote abgegeben hatte!
  • CA Immo Vorstände und CA Immo Aufsichtsräte wussten, dass die CA Immo über dem Anbot des österreichischen Konsortiums lag!
  • CA Immo Vorstände und CA Immo Aufsichtsräte wussten sogar über die prozentuellen Abstände zwischen Offerten Bescheid!
  • CA Immo Vorstände und CA Immo Aufsichtsräte schlossen daraus, „dass eine signifikante Annäherung des Anbotspreises nicht notwendig erscheint“ (Anmerkung: möglicherweise ist bei „Annäherung“ jene in Richtung der zur Verfügung stehenden etwa eine Milliarde gemeint – siehe weiter unten Aussagen, dass „960 eher Zufall gewesen sind“)!
  • CA Immo Vorstände und CA Immo Aufsichtsräte haben nach Analyse dieses „Wissen aus informeller Quelle“ übereinstimmend den Schluss gezogen, „dass ein erhöhtes Gesamtanbot … in Höhe von rund EUR 960 Mio. die Chance bietet, auch in der nunmehr letzten Runde Bestbieter zu sein“.  

 

EX CA IMMO VORSTAND: „WIR HÄTTEN WEITER GEHEN KÖNNEN!“

 

Fromwald hat die Eintragungen in den damaligen Protokollen bei seiner Zeugenaussage am 22. Juni auch noch damit ergänzt, dass „auch das Österreich-Konsortium in etwa über unsere Angebotssumme informiert war und dass es damals viele ‚Rumors‘, also Gerüchte“ gegeben habe.

 

Und der damalige CA Immo Vorstand ging noch weiter: „Warum es gerade 960 Millionen wurden, weiß ich auch nicht mehr, es hätten genauso 970 sein können. Dass man angeblich seitens Lehman Brothers daraus geschlossen hatte, dass die CA Immo nicht weiter gehen hätte können, ist falsch, wir hätten weiter gehen können!“

 

Einer der damals führenden Repräsentanten von Lehman, Thomas Marsoner, hatte bei seiner Zeugenvernehmung am Tag 88 des Buwog-Prozesses dazu gemeint: „Tatsache war jedenfalls auch, dass diese Zahl 960 für die zweite Runde technisch veraltet war, und niemand wissen konnte, wieviel die CA Immo in der zweiten Runde bieten würde, sie war ja nicht auf diese 960 Mio. limitiert. Warum die ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft haben, weiß ich bis heute nicht, persönlich hätte ich eine Milliarde erwartet!

 

Fromwalds Aussage, dass die 960 Millionen mehr oder weniger Zufall gewesen seien, wurde übrigens auch sogar von Bruno Ettenauer bei seiner Zeugenbefragung am Tag 114 bestätigt: Für das so genannte Last and Final Offer (LAFO), also die zweite verbindliche Bieterrunde, habe man sich vom Präsidialausschuss der Bank Austria eine Erhöhung der Finanzierung genehmigen lassen. Dass diese Zahl (960 Mio.) mit der Finanzierungszusage der ersten Runde identisch war, sei Zufall gewesen, so Ettenauer. Und: Insgesamt sei die Finanzierungszusage für das LAFO bei über einer Milliarde Euro gelegen.