TAG 88: LEHMAN MANAGER MARSONER: „WARUM DIE CA IMMO NICHT EINMAL DIE FINANZIERUNGSZUSAGE AUS DER ERSTEN RUNDE AUSGESCHÖPFT HAT, IST MIR BIS HEUTE NICHT KLAR!“

 

Mit Dr. Thomas Marsoner kam am Tag 88 des laufenden Buwog-Prozesses erstmals ein führender Repräsentant, der den Privatisierungsprozess begleitenden Investmentbank Lehman Brothers, als Zeuge zu Wort. Marsoner (er war bei den entscheidenden Sitzungen am 7. Juni 2004 und 13. Juni 2004 dabei) bestätigte nahezu identisch die bisherigen Zeugenschilderungen zu den wesentlichen Eckpunkten des Verkaufsprozesses und verteidigte ganz vehement die Wichtigkeit und Richtigkeit der zweiten Bieterrunde.

 

In den ersten unverbindlichen Runden habe es zunächst sechs Bieter gegeben, deren Offerte aber völlig unvergleichbar gewesen seien. In Runde 3 galt es dann, auf Basis eines einheitlichen Zahlenblattes Vergleichbarkeit zu schaffen. Die CA Immo sei dabei an letzter Stelle gelandet, und es sei ernsthaft zur Diskussion gestanden, diese auszuscheiden. Das habe allerdings Finanzminister Grasser mit den Worten „der größten Bank des Landes können wir das nicht antun“ verhindert, so der damalige Lehman Senior Advisor bei seiner heutigen Befragung.

 

Bei der ersten verbindlichen Runde seien dann nach Abgabe am 4. Juni 2004 neuerlich die Zahlen unterm Strich nicht vergleichbar gewesen. Aber es habe aufgrund mehrerer Angaben ein ganz klares Signal der beiden besten Bieter CA Immo und Österreich-Konsortium gegeben: „Da gibt es kräftig Luft nach oben!“ 

 

Thomas Marsoner heute: „Unser Team hat übers Wochenende die Anbote im Detail ausgewertet, die wir dann am Montag darauf im Finanzministerium präsentiert haben. Unsere Empfehlung lautete ganz klar: „Es sollte auf jeden Fall noch ein Last and Final Offer geben!“ 

 

„Der Vorschlag zur zweiten Runde, also zu einem Last and Final Offer, kam vom Lehman-Team bzw. von mir als Vortragendem, und wurde am 7. Juni in einer Informationssitzung positiv aufgenommen und akzeptiert. Ich kann mich an keinen einzigen Widerspruch erinnern“, betont Marsoner. 

 

Man habe dabei quasi mit einem Sicherheitsnetz gearbeitet, die Anbote aus der ersten Runde hätten trotz der weiteren Runde bis auf weiteres ihre Gültigkeit behalten. Die Zeitspanne habe man deutlich reduziert, um das Zinsänderungsrisiko zu minimieren, und so den Bietern mehr Spielraum nach oben zu geben. Und Besserungsscheine habe man ausgeschlossen, und das Österreich-Konsortium damit gezwungen, die entsprechenden Werte ins Offert einzuarbeiten.

 

Dass bei dieser Informationssitzung im Gelben Salon, „in der wichtigsten Phase des Verfahrens“, Finanzminister, Staatssekretär, sowie die Spitzenbeamten des Ministeriums anwesend waren, sei für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen.

 

ÖSTERREICH-KONSORTIUM MÖGLICHERWEISE BEREITS IN RUNDE 1 VORNE

 

Marsoner erörterte heute auch ausführlich ein interessantes Faktum, das bisher nicht bekannt war: „Das Österreich-Konsortium hat in seinem Offert auch sechs Besserungsscheine angeboten. Hat man diese, wie es in der Investmentbankersprache heißt, ‚aggressiv‘, also sehr optimistisch bewertet, so wäre das Österreich-Konsortium vermutlich bereits in der ersten Runde knapp vor der CA Immo gelegen!“

 

Jedenfalls seien das Potenzial der Besserungsscheine auf der einen Seite, sowie der Abschlag aufgrund des Zinsänderungsrisikos, den die CA Immo mit 60 Millionen ansetzte, und der in ähnlicher Form bzw. Größenordnung auch für das Österreich-Konsortium gelten musste, Indizien gewesen, dass man mit deutlich höheren Anbotssummen in einer weiteren Runde rechnen durfte – was ja letztendlich auch der Fall war.

 

Und wie bewertete der Lehman Manager die „Finanzierungszusage“ der CA über 960 Millionen, welche die CA Immo in ihrem Offert in der ersten Runde ausgewiesen hatte? 

 

Marsoner: „Uns ist das vor allem seltsam erschienen, dass man bei zur Verfügung stehenden 960 Millionen nur 922 Millionen geboten hat und der Rest Nebenkosten waren. Das erschien mir etwas viel, so hohe Nebenkosten sind nicht plausibel, und ein Indiz mehr, dass Upside vorhanden ist.“

 

„NIEMAND KONNTE WISSEN, WIEVIEL DIE CA IMMO IN DER ZWEITEN RUNDE BIETEN WÜRDE!“

 

Dass beim Last and Final Offer die CA Immo dann sogar weniger geboten hatte, als die Finanzierungszusage der ersten Runde ausmachte, die im Übrigen für die zweiten Runde auf eine Milliarde erhöht worden war,  habe ihn mehr als verwundert, so Marsioner, der betonte: „Jeder Bieter legt in einer finalen Runde üblicherweise was drauf, dass die nicht mehr geboten haben, war eine Enttäuschung!“

 

Auch das knappe Rennen mit 960 und 961 Millionen wurde seitens Marsoner kommentiert: „Wir konnten nicht ausschließen, dass es ein Leak gegeben hat und diese Finanzierungsgarantie hinausging, es wäre nicht das erste Mal bei derartigen Transaktionen gewesen. Bei der Informationssitzung am 7. Juni beispielsweise saß uns eine große Zahl an Teilnehmern gegenüber. Wir hatten aber keine Anhaltspunkte und keine Wahrnehmungen, dass etwas geleakt wurde. Und abseits vom Zeitungswissen gibt es diesbezüglich bis heute keine Wahrnehmungen!“

 

Und Marsoner weiter: „Tatsache war jedenfalls auch, dass diese Zahl 960 für die zweite Runde technisch veraltet war, und niemand wissen konnte, wieviel die CA Immo in der zweiten Runde bieten würde, sie war ja nicht auf diese 960 Mio. limitiert. Warum die ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft haben, weiß ich bis heute nicht, persönlich hätte ich eine Milliarde erwartet!“ 

 

Alles sei möglich gewesen, man könne aber bei diesem Ergebnis auch eine mathematische Zufälligkeit nicht ausschließen, weil durchaus plausibel sei, dann man aufgrund der Parameter auf recht ähnliche Barwerte kommen hätte können.