TAG 93: ZEUGENBEFRAGUNG ENDET MIT EKLAT

 

Nachdem die Vorsitzende Richterin den „Kronzeugen“ der Anklage, Diplomingenieur Michael Ramprecht, mehrfach belehren musste, bei der Befragung durch Grasser-Verteidiger Norbert Wess doch das vorgeschriebene Procedere vor Gericht zu akzeptieren, verlor er dann am späten Nachmittag völlig die Nerven und schrie Wess an: „Es ist so mühsam mit Ihnen!“; „Ich habe keine Lust über diese Dinge zu diskutieren!“; „Sie kommen hier vom Hundertsten ins Tausendste, weil Ihr Taxometer als Anwalt mitläuft!“. Die Vorsitzende Richterin Marion Hohenecker brach den Verhandlungstag (auch aus zeitlichen Gründen) ab. Ramprecht wird zu einem späteren Zeitpunkt erneut in den Zeugenstand kommen müssen.


Nachdem Wess Ramprecht mit einer Reihe von Widersprüchen in früheren Aussagen und Verfahren konfrontiert hatte, legte er zahlreiche Medienberichte aus dem Jahr 2004 vor, die sich mit einem äußerst delikaten Problem während der Amtszeit Ramprechts als Chef der Bundesbeschaffungsagentur der Republik Österreich befassten: „Chef-Einkäufer im Visier“ titelte damals beispielsweise das NEWS und schrieb davon, „Ramprecht ist in eine Immobilien-Causa verwickelt, die die Republik … massiv erschüttern dürfte“.


Hintergrund der Causa waren private Immobilien-Geschäfte Ramprechts, die er parallel zu seinem Spitzenjob als Chef der Bundesbeschaffung tätigte, und wo er laut einem Zeugen Provisionen in Bar ohne offizielle Zahlungsbestätigung einstreifte. Das Ganze für die Firma „Ramprecht & Partner Immobilien“, die es zu dem Zeitpunkt nur auf dem Papier gab und jedenfalls keine Gewerbeberechtigung vorhanden war.


Ramprecht hatte dabei das „Pech“, dass der Wohnungsinteressent ein prominenter Anwalt war, der aufgrund der in einer Tageszeitung inserierten Wohnung insgesamt zwei Besichtigungstermine vereinbarte. Die Wohnung präsentiert und auch die Kaufpreisverhandlungen geführt wurden jeweils vom Chef der Bundesbeschaffungsgesellschaft persönlich.


Der Anwalt machte eine penible Notiz über den Ablauf, wurde zusätzlich stutzig, als er von der Frau Ramprechts gefragt wurde, „ob er eine Rechnung brauche“, und fragte bei der Innung und bei der zuständigen Magistratsabteilung nach, ob es eine Immobilienfirma Ramprecht überhaupt gibt. Das Resultat der Recherchen: Die Firma war sowohl bei der Innung als auch der Magistratsabteilung unbekannt und auch die Anmeldung beim Firmenbuchgericht war eine Fehlanzeige.


Auf die Antwort des Anwalts, er würde keine Umsatzsteuerrechnung benötigten, erklärte die Frau Ramprechts, sie könne ihm den Betrag dann netto ohne Umsatzsteuer verrechnen: „Sie wollte das Geld in bar und meinte, ich könnte das Geld ihrem Mann übergeben“, so der Zeuge in einer schriftlichen Stellungnahme. Tatsächlich kam es dann am 21. September 2004 zur Geldübergabe im Cafe Schottenring – wie vereinbart ohne Umsatzsteuer und ohne offizielle Bestätigung der Zahlung. Der „Kunde“ hat im Anschluss umgehend das Finanzamt verständigt und seinen Anwalt beauftragt, die Gewerbebehörde und das Firmenbuchgericht zu informieren.


Zurück zur Gegenwart: Als Anwalt Norbert Wess am 93. Verhandlungstag eigentlich nur auf die zahlreichen Presseartikel zu diesem Problem hinwies (ohne überhaupt ins Detail zu gehen), verlor Ramprecht die Nerven, und richtete Wess in massiver Lautstärke aus, dass er „keine Lust habe, über diese Dinge zu diskutieren“ – und konnte nur durch das Einschreiten der Sitzungspolizei in Form der Vorsitzenden Richterin wieder einigermaßen beruhigt werden. Ramprecht wird somit ein weiteres Mal als Zeuge vorgeladen werden. Schon nächste Woche werden sich seine Frau und sein Bruder den Fragen des Gerichts und der Anwälte stellen müssen.


Dem „schreienden“ Finale des Kronzeugen (der bei seinen Behauptungen blieb, er habe von Kommerzialrat Plech im Jahr 2004 gehört, das „Ganze sei ein abgekartetes Spiel“) vorausgegangen war eine ausführliche Konfrontation Ramprechts mit früheren, vielfach widersprüchlichen Aussagen. Wobei Ramprecht bestätigte, er könne ganz konkret nur zur Lehman-Vergabe wirklich etwas sagen, sonst nur mutmaßen.


Eine etwas andere Perspektive lieferte Ramprecht diesmal zu seinem engen Freund und Berater Willibald Berner, „Erfinder“ der Tatplan-Skizze. Behauptete Ramprecht bei der letzten Zeugenbefragung im März noch, Berner hätte ihm die Skizze entsprechend dargestellt, so konnte er sich diesmal an Details nicht mehr erinnern, nur noch an die Namen Grasser und Haider.


Auf die Bitte von Anwalt Wess, die Skizze doch aufzuzeichnen, verweigerte Ramprecht: „Ich kann die Skizze nicht aufzeichnen. Ich erhalten von Berner Tausende Dinge und habe zu dieser Skizze keine Ahnung mehr!“ Berner habe ihm die Skizze nach Erscheinen des Profil-Artikels gezeigt. Wann genau? „Tage, Wochen, Monate danach, ich weiß es nicht mehr“, so die wenig überzeugende Antwort Ramprechts. 


Ebenfalls aufhorchen ließ Ramprecht zwischendurch mit einer sehr interessanten Bemerkung: „Ich habe erreicht, was ich erreichen wollte, und sitze jetzt hier im Gerichtssaal mit dem Herrn Grasser. Alles was davor war, war für mich Mittel zum Zweck! Darauf habe ich 15 Jahre hingearbeitet.“


Und ein zweites Mal: „Ich hatte einen Plan, dass wir hier gemeinsam sitzen. Das habe ich geschafft, und ich bin nicht der Angeklagte. Wenn der Herr Grasser halbwegs fair mit mir umgegangen wäre, würden wir aber nicht hier sitzen.“


Und schließlich noch ein paar Reminiszenzen: „Was mir gereicht hat, ist dem Herrn Minister Grasser zu gefallen. Ich wäre so gerne Grassers Freund gewesen, aber ich habe es nie wirklich geschafft!“…